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PEARLS Fortbildung in Budapest

Inspirierender Austausch zwischen Teilnehmer_innen aus verschiedenen Ländern

„Nicht alle Roma sprechen Romanes.“

„Die Geschichte der Roma wird nicht gelehrt, auch wenn 70% Roma Kinder die Schule besuchen“.

Dies sind nur zwei Aha-Effekte, die die Teilnehmer_innen während intensiver Arbeit in verschiedenen Workshops hatten. Neben den PEARLS Trainerinnen und Trainern aus Rumänien, Ungarn, Türkei und Deutschland, war auch Benjamin Ignac aus Kroatien dabei. Er arbeitet am Europäischen Zentrum für die Rechte der Roma in Budapest. Als Kind ging er auf die Orehovica Schule in Kroatien. Von dieser Schule nahmen drei Lehrer_innen am PEARLS Kurs teil. Sie sind sehr engagiert, wenn es darum geht, die Situation von Roma-Kindern zu verbessern. Zum Beispiel bieten sie Workshops für Eltern (Roma und Nicht-Roma) an. Themen sind Basiswissen in Schreiben und Rechnen sowie Fragen rund um die Erziehung von Kindern. Ein EU gefördertes Projekt bildete den Beginn dieser Workshops. Und obwohl die Finanzierung mittlerweile ausgelaufen ist, bieten einige Lehrerinnen weiterhin Workshops an, d.h. auf freiwilliger also unentgeltlicher Basis. Ionut Stan, der Gründer der rumänischen NGO „Gipsy Eye – See Beyond Prejudice“ fragte die Teilnehmer_innen: Habt ihr schon mal Bücher und Stifte für eure Schüler gekauft?“.  Die Gruppe: „JA“! Daraufhin sagte Ionut Stan: „Macht das nicht“.

Gruppenarbeit während des Moduls “Inklusion von Roma Schüler_innen”, rechts: Ionut Stan

Selbstverständlich sieht er das Dilemma: Schüler_innen brauchen Hefte und Stifte. Und Ionut Stan ist froh darüber, dass Lehrer_innen oft einspringen. Gleichzeitig betont er, dass klare Worte an staatliche Institutionen nötig sind (z.B. in Form von Briefen, Besuchen, Petitionen, Pressemitteilungen, Leserbriefen), um größere finanzielle Unterstützung zu bekommen.

Für Ionut Stan war es neu, dass die meisten Familien in Medjimurje (Region in Kroatien, in der die Orehovica Schule liegt) Boyash (statt Romanes) sprechen. Er erklärte, dass nicht alle Roma in Europa Romanes oder eine andere Roma Sprache sprechen, denn die Traditionen der Roma wurden teilweise durch die Mehrheitsgesellschaft zerstört.

Simona Borko, Sozialpädagogin an der Dr. Ivan Novak Grundschule in Macinec (Kroatien) erläuterte detailliert die Faktoren, die an ihrer Schule zu einer erfolgreichen Kooperation mit Roma Eltern geführt haben. Sie und einige ihrer Kolleginnen waren der Ansicht, dass es keinen anderen Weg gibt als selbst aktiv zu werden, um die Situation zu verbessern. Denn sie bekamen kaum Unterstützung von staatlichen Stellen. Nachdem die Entscheidung getroffen wurde, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen, kontaktierten sie die NGO „Open Academy – Step by Step“. Simona und ihre Kolleginnen besuchten Kurse zu Anti-Diskriminierung sowie Machtstrukturen innerhalb einer Gesellschaft. Danach luden sie ihre Schulleitung sowie ihre Kolleginnen ein, die nahegelegene Romasiedlung „Parag“ zu besuchen. Nicht alle Kolleginnen waren begeistert, einige hatten Angst. Sie fuhren alle zusammen im großen weißen Schulbus in die Siedlung. „Das hat eine Menge verändert“, sagt Simona. Die Eltern fühlten sich durch unseren Besuch sehr wertgeschätzt, sie konnten sehen, dass wir Lehrerinnen ein großes Interesse daran haben, dass ihre Kinder in der Schule erfolgreich sind. Und die Kolleginnen, die Angst hatten, erlebten eine große Gastfreundschaft seitens der Roma. Seitdem besucht Simona oder eine Kollgin die Romasiedlung jede Woche, um mit ihnen Dinge zu klären. Das hat zur Folge, dass viel mehr Eltern nun auch in die Schule kommen, z.B. zu Versammlungen oder zu Workshops.

Workshop zu Menschenrechten mit Susan Navissi

„Was sind die Faktoren, die zu einer besseren Inklusion von Roma Schüler_innen führen?“ Benjamin Ignac sagt, dass die meisten Roma Kinder und Jugendliche Scham empfinden, weil sie Roma sind. Viele haben darüber hinaus Angst vor Diskriminierungen. Deshalb wäre es seiner Erfahrung nach gut, wenn Lehrer_innen Wege finden, dass sich Schüler_innen positiv auf ihre Roma-Identität beziehen könnten. Und es wäre laut Benjamin Ignac ebenfalls gut, wenn es mehr und intensivere Begegnungen zwischen Roma und Nicht-Roma Schüler_innen gebe. Weiterhin sagte er, dass Menschen- und Kinderrechte in Schulen stärker thematisiert werden sollten. Denn viele Kinder kennen weder ihre Rechte noch Institutionen, bei denen sie Unterstützung bekommen könnten. Im weiteren Verlauf des PEARLS Kurses stellte Susan Navissi, Lehrerin an der Richard Grundschule in Berlin Neukölln, Übungen und Materialien zu Kinderrechten vor. Die Teilnehmer_innen waren sehr begeistert von dieser Einheit, denn sie können sie direkt in ihren Klassen umsetzen.

Das Feedback der Teilnehmer_innen zum einwöchigen Kurs war überaus positiv. Die sehr vertraute Atmosphäre wurde oft erwähnt. Zum Beispiel sprachen einige Teilnehmer_innen lieber in ihrer Muttersprache als Englisch. Eine Kollegin übersetzte und alle anderen hörten aufmerksam zu. Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: Erst jetzt könne sie richtig nachvollziehen, wie sich einige ihrer Schüler_innen fühlten.

Als Highlights nannten die 15 Teilnehmer_innen den gegenseitigen Austausch sowie den Schulbesuch an der Losonci Schule im 8. Budapester Bezirk. Dort arbeitet Piroska Czifrik als Lehrerin für Ungarisch. Im Modul “Schule als Lerngemeinschaft” stellte sie die Methode “Complex Instruction Programme” vor, die die Teilnehmer_innen ebenfalls sehr nützlich für ihren Unterricht fanden.

Theater-Übungen im neu geschaffenen Clubraum der Losonci Schule - mit PEARLS Besucher_innen

Die Abende waren gefüllt mit einer interkulturellen Party, einer spontanen Film-Session im Tagungshaus DokuArt, das gleichzeitig ein Kino ist, sowie mit verschiedenen Unternehmungen in Budapest, wie z.B. einer geführten Tour durch den 8. Bezirk mit stadtsoziologischen Erläuterungen.

Tänze aus unterschiedlichen Regionen Europas
Interkultureller Abend

Die Inhalte der Workshops, den Ablaufplan etc. können Sie hier einsehen.